Finanzen mit ADHS gedacht: Wie dein Gehirn Finanzen beeinflusst

Kennst du das Gefühl, ständig im Finanzchaos zu versinken und von den üblichen Spartipps enttäuscht zu werden? Hier erfährst du, warum das bei ADHS besonders häufig vorkommt und was wirklich helfen kann.

Warum ist Finanzmanagement mit ADHS so herausfordernd?

Finanzen zu organisieren ist für viele neurodivergente Menschen, so auch  mit ADHS eine echte Herausforderung. Oft wird fehlender Wille oder sogar mangelnde Disziplin unterstellt, aber damit hat das alles nichts zu tun. Vielmehr an einer eingeschränkten Selbstregulation. Betroffen sind vor allem die exekutiven Funktionen – also die kognitiven Fähigkeiten, die Struktur, Planung und Verlässlichkeit ermöglichen.

Da genau diese Fähigkeiten fürs Geldmanagement zentral sind, greifen klassische Tipps oft ins Leere.

Besonders weiblich gelesene Personen mit ADHS stoßen zusätzlich auf gesellschaftliche Rollenerwartungen und eine oft späte Diagnose. Das führt dazu, dass finanzielle Schwierigkeiten lange unentdeckt bleiben oder missverstanden werden.

Patriarchale Strukturen und neurotypische Normen schließen viele Menschen faktisch aus – nicht, wegen mangelnder Fähigkeiten, sondern weil die Systeme nicht auf ihre Bedürfnisse ausgelegt sind.

Wer ruhig wirkt, kann innerlich stark kämpfen. Viele Betroffene kompensieren ihre Schwierigkeiten, was nach außen funktioniert – aber innen enorm belastet. Sichtbare Hilfe bleibt so oft aus.

Begriffserklärung:

  • Neurotypisch: Entspricht den gesellschaftlichen Normen der neurologischen Entwicklung.
  • Neurodivergent: Umfasst neurologische Variationen wie Autismus, ADHS, Dyslexie oder Tourette.
  • Neurodiversität: Fördert Verständnis und Wertschätzung unterschiedlicher Denkweisen und Erfahrungen.
  • Neuroinklusion: Bezeichnet gesellschaftliche Strukturen, die vielfältige neurologische Bedingungen aktiv mitdenken und einbeziehen.

Finanzielle Herausforderungen mit ADHS

Die Impulskontrolle ist Teil der sogenannten exekutiven Funktionen, also jener mentalen Fähigkeiten, die zur Selbstregulation gehören. Dazu zählen auch Planung, Organisation, Priorisierung und das strukturierte Vorgehen bei Aufgaben. All diese Funktionen sind im Alltag, und besonders im Umgang mit Geld, essenziell. Wenn sie beeinträchtigt sind, kann das tiefgreifende Auswirkungen auf das Finanzverhalten und die langfristige finanzielle Stabilität haben.

Hinzu kommt die Schwierigkeit, Routineaufgaben anzugehen. Für ADHS-Gehirne sind „langweilige“ Aufgaben wie Kontoauszüge sortieren, Budgetlisten erstellen oder Steuerunterlagen vorbereiten oft so spannend wie Wäsche zusammenlegen. Sie werden vermieden und aufgeschoben. Dieses Aufschieben dauert meist so lange, bis der Druck kurz vor der Deadline so groß wird, dass plötzlich genug Adrenalin vorhanden ist, um die Aufgabe in einem rasanten Endspurt noch zu erledigen. Finanzielle Entscheidungen unter Stress treffen zu müssen, erhöht das Risiko für Fehler erheblich. So wird aus einem harmlosen finanziellen Routinevorgang ein Hochseilakt ohne Sicherheitsnetz.

ADHS tritt selten isoliert auf. Häufig bestehen zusätzliche Herausforderungen – etwa durch Lese-Rechtschreib-Schwäche, Dyskalkulie oder Autismus (die Kombination aus ADHS und Autismus wird auch als AuDHS bezeichnet). Vor allem für Menschen mit Dyskalkulie (Rechenschwäche) kann der Umgang mit Zahlen und Geld lähmend wirken. Finanzielle Entscheidungen werden zu Stressmomenten, weil Zahlen mit Scham, Angst oder Überforderung verbunden sind. Doch lasst euch gesagt sein: Mathematische Höchstleistungen sind keine Voraussetzung für gesunde Finanzen. Ich selbst lebe mit Dyskalkulie – und habe mich durch viele Etappen meines Lebens irgendwie durchgekämpft. Dass ich ein Studium aus Angst vor der Matheprüfung abbrach, war lange mit Scham behaftet. Erst als ich verstand, dass es nicht an meinen intellektuellen Fähigkeiten lag, sondern an untypischen Herausforderungen, begann sich der Blick auf mich selbst zu wandeln. Diese Erkenntnis kann heilsam sein und der erste Schritt zu einem selbstbestimmteren Umgang mit Geld.

Ich sprach hierzu mit Kirstin Wulf, die sich seit Jahren mit ihrer Berliner Initiative bricklebrit auf die Schnittstelle von ADHS und Finanzkompetenz spezialisiert hat. Mit ihrer Initiative bietet sie digitale Begleitung und praxisnahe Unterstützung für Menschen mit ADHS. Dabei entwickelt sie laufend neue Formate, um herauszufinden, was wirklich gebraucht wird, wonach gesucht wird und was in der Praxis tatsächlich wirkt. Denn solche Angebote fehlen bislang in Deutschland.

Kirstin Wulf sagt: „Das eigentliche Problem ist nicht nur, dass neurodivergente Menschen an starren Strukturen scheitern – sondern dass es kaum Strukturen gibt, die überhaupt für sie gemacht sind. ADHS ist mehr als nur eine Ansammlung von Symptomen – es beeinflusst grundlegend die Fähigkeit, sich selbst zu organisieren und Dinge gezielt anzugehen. Genau da sollte Unterstützung ansetzen. Es braucht Angebote, die nicht nur kurzfristig entlasten, sondern langfristig befähigen und genau die fehlen bisher. Nur wer ADHS wirklich versteht, kann Wege finden, gut mit sich selbst umzugehen. Dieses Wissen stärkt und kann einen echten Unterschied im Alltag machen.

Und was ist mit den Stärken?

ADHS wird oft entweder stigmatisiert oder überhöht – etwa durch Begriffe wie „Superpower“. Doch nicht alle erleben ADHS als Kraftquelle. Wer vor allem mit Belastungen kämpft, fühlt sich durch solche Zuschreibungen häufig zusätzlich unter Druck gesetzt.

Trotzdem lohnt sich der Blick auf mögliche Stärken: Kreativität, Innovationskraft, Sensibilität und unkonventionelle Lösungswege. All das kann entstehen, wenn die Rahmenbedingungen stimmen. Damit diese Potenziale sich entfalten können, braucht es vor allem eines: weniger Überforderung und mehr Verständnis.

Ein ehrlicher Blick auf die Herausforderungen ist keine Schwäche, sondern Voraussetzung für realistische Lösungen. Es braucht Strukturen, die entlasten, bevor Überforderung entsteht – nicht erst, wenn jemand scheitert.

Nur wenn wir aufhören, ADHS als „Stärke mit kleinen Macken“ zu vermarkten, entsteht Raum für echte Inklusion. Es geht nicht um Romantisierung (Komma) sondern um gerechte Strukturen, in denen auch Menschen mit Neurodivergenzen ohne ständigen Mehraufwand dazugehören können.

Effektive Finanzstrategien für Menschen mit (und ohne) neurodivergenten Merkmalen

  • Automatisierung nutzen: Daueraufträge und automatische Zahlungen verhindern, dass Rechnungen vergessen werden.
  • Visuelles Budgeting: Nutze Apps, die deine Finanzen optisch klar darstellen und direkte Rückmeldungen geben.
  • Dopaminfreundliche Sparziele: Setze kleine, unmittelbar belohnende finanzielle Ziele, um die Motivation aufrechtzuerhalten.
  • Finanz-Tandem (Body-Doubling): Erledige finanzielle Aufgaben gemeinsam mit anderen, um Verpflichtungen zu stärken und soziale Unterstützung zu nutzen.
  • Klare Routinen schaffen: Richte feste Zeitfenster und Orte ein, um Finanzen regelmäßig und ritualisiert zu bearbeiten.
  • Selbstbildung fördern: Achte darauf, was du bisher versucht hast, wo du wiederholt Schwierigkeiten hast und welche Strategien dir langfristig wirklich helfen. Selbstbildung schafft Bewusstsein für eigene Muster und ist der Schlüssel für wirksame, individuell passende Lösungen.

Hilfe suchen und annehmen

Scheue dich nicht, dir Unterstützung bei speziell geschulten Finanzcoaches oder Therapeut:innen zu holen – idealerweise bei Personen, die sich mit Neurodivergenz und insbesondere mit ADHS auskennen. Finanzcoaches können dabei als lösungsorientierte Begleiter:innen agieren, ohne zu werten oder zu belehren. Sie helfen, individuelle Strategien zu entwickeln, Ressourcen zu aktivieren und realistische Ziele zu setzen, ganz ohne erhobenen Zeigefinger. Wer Schwierigkeiten hat, den Überblick zu behalten oder Routinen zu etablieren, kann von dieser professionellen Unterstützung enorm profitieren. Ein Austausch mit Gleichgesinnten oder in Selbsthilfegruppen kann zusätzlich entlasten, Verständnis schaffen und dabei helfen, finanzielle Scham abzubauen.

Du bist nicht schuld!

Ob du selbst betroffen bist oder einfach mehr Verständnis für das Thema entwickeln möchtest, dieser Text zeigt: Finanzielle Herausforderungen im Zusammenhang mit ADHS sind real, aber sie sind auch handelbar. Verstehen, wie unterschiedlich Menschen mit Geld umgehen – je nach neurologischer Veranlagung – schafft nicht nur mehr Mitgefühl, sondern auch neue Wege im Umgang mit Finanzen.

Niemand ist faul oder undiszipliniert, nur weil klassische Methoden nicht funktionieren. Wer mit besonderen Bedingungen lebt, braucht besondere Tools. Und wer diese kennt, kann Finanzen wirksam und nachhaltig gestalten. Für sich selbst oder gemeinsam mit anderen.

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